Dienstag, 5. August 2014

Im Test: Woodscan, der Einkaufsfuchs für den Milestone

Im Test: Woodscan, der Einkaufsfuchs für den Milestone

Seit einiger Zeit steht mir ein neues Hightech-Hilfsmittel zur Verfügung: der Einkaufsfuchs in der Variante Woodscan. Dieses praktische Gespann aus einen Milestone 312, einer umfangreichen Produktdatenbank, und einem hochwertigen Barcodeleser erlaubt es, zahlreiche Produkte an ihrem Barcode zu erkennen.

Wie der Name schon sagt, ist der Einkaufsfuchs dabei hauptsächlich als Einkaufshilfe gedacht, er kann aber auch im eigenen Heim gute Dienste leisten.


>Die Hardware


Mit dem Milestone 312 als solches habe ich mich bisher nur oberflächlich beschäftigt. Ich denke, ich werde meine Erfahrungen mit diesem nützlichen Allrounder daher zu einem sppäteren Zeitpunkt in einem eigenen Artikel zusammenfassen. Was seine Nutzung als Einkaufsfuchs angeht, so tut er ordentlich seinen Dienst.

Der beim Woodscan mitgelieferte Scanner ist eigentlich kein Handscanner, sondern ein kleineres Tischgerät. Er ist relativ handlich, als klein würde ich ihn aber nicht bezeichnen. Für ein passendes Kabel hat es wohl nicht gereicht, der Scanner wird über ein Adapterkabel angeschlossen, welches aber sehr fest sitzt. Beim Auspacken sollte man übrigens ein wenig vorsichtig sein: die etwas überdimentsionierte, aber doch recht schmucke Holzkiste, in der sich der eigentliche Scanner befindet, ist so scharfkantig, dass man sich leicht daran verletzen kann.

Das Scannen der Barcodes ist mit diesem Scanner und ein wenig Übung wirklich einfach. Der barcode wird meistens schon erkannt, wenn er sich irgendwie im Scanfeld bewegt. Es gibt auch Ausnahmen, die aus irgendwelchen Gründen schwerer zu scannen sind, aber im großen und Ganzten funktioniert es prima. Erfreulicherweise sind auch Barcodes auf farbigem Untergrund in der Regel kein Problem. Der Scanner arbeitet übrigens unabhängig vom Umgebungslicht. Scannt man mehrere Barcodes nacheinander, was beim Stöbern im Regal übrigens auch leicht mal versehentlich passieren kann, so werden alle eingescannten Codes nacheinander vorgelesen.

Um die Nutzung des Einkaufsfuchses im Supermarkt etwas unauffölliger zu machen, habe ich mir einen guten altmodischen Ohrhörer zugelegt. Das Ergebnis ist aber leider nur begrenzt erfolgreich, da der Scanner beim Einschalten und bei der Erkennung eines barcodes eigene Töne von sicht gibt.


Die Produktdatenbank


>Im Supermarkt: Lebensmittel umd Haushaltswaren
Okay, getestet habe ich überwiegend in meinem Vorratsschrank, aber auch ein paar Einkaufstouren hat mein Woodscan schon hinter sich. In Sachen Lebensmittel war das Ergebnis dabei leider ein wenig durchwachsen. Zwar wird die Mehrzahl der barcodes erkannt, es gibt aber erstaunliche und durchaus praxisrelevante Lücken. So fehlten beispielsweise zahlreiche Produkte aus den Eigenmarken von Rewe und Netto, insbes. Frischwaren. Ein Einkaufstrip in der Feinkostabteilung von Karstadt zeigte, dass z.B. bei Chivers marmelade ein Teil der angebotenen Geschmacksrichtungen erkannt wurde, aber eben nur ein Teil. Bei mehrerem, nicht repräsentativen Umfragen unter den Produkten in meinem Vorratsschrank bzw. in meinem Kühlschrank wurde bis zu ein Drittel der Produkte nicht erkannt, darunter auch Standards wie haltbare Sahne, stilles Wasser oder fettarme Milch.

Ein weiteres Problem der Produktdatenbank ist der ausgeprägte Aküfi. So muss man sich selbst zusammenreimen, dass es sich bei "Schwd. extra Erdbeer 340 Gramm" um "Schwartau Erdbeermarmelade Extra" handelt. Und von "Erbs. e. f. ?] Möhr. Bondulelle 425 Milliliter" muss man denn auch erstmal auf "Bonduelle Erbsen und Möhren extra fein" kommen. Bei zahlreichen Produkten wird zudem ausgerechnet der eigentliche Produktname abgekürzt, während nebensächliche Angaben ausgeschrieben sind, wie beispielsweise bei "Delikates Frühstücksfl. 200 Gramm". Außerdem fehlt bei einer Reihe von produkten der Hersteller, was das Auffinden des gewünschten Produktes ebenfalls erheblich erschweren kann. Bei einigen Produkten ist das Kauderwelsch dabei so unfverständlich, dass ich nicht einmal die grobe Produktkategorie erraten konnte, so z.-B. bei einer Dose Mildessa Champagnerkraut.


>Tonträger
Auch in meiner CD-Sammlung habe ich mal ein wenig mit Hilfe des Woodscan herumgestöbert, und das Ergebnis war erstaunlich gut. Rund 90% der CDs wurden, sofern sie einen Barcode hatten, erkannt.

Beim Vinyl wurde es dagegen extrem dünn. Wenn Schallplatten demm überhaupt mal einen Barcode haben, was selbst bei Neuerscheinungen nicht selbstverständlich ist, dann wurde kaum etwas in der Datenbank gefunden. Lediglich dir Dire straits und Mark Knopfler glänzten mit satten 100% Erkennungsrate - Qualität bleibt eben Qualität.


Medikamente
Auch in meinem Medizinschränkchen wurde Woodscan wiederholt fündig. Die Erkennungsrate war dabei in etwa vergleichbar mit der bei Lebensmitteln. Das Auffinden der oft sehr kleinen Barcodes kann alledings bei manchen Verpackungen zur Geduldsprobe werden, da der Barcodeleser hier durchaus an seine grenzen stößt. Und auch der bereits erwähnte Aküfi ist präsent, was bei Medikamenten aber natürlich potentiell deutlich problematischer ist als bei Lebensmitteln.


Hintergrund: die Sache mit der Produktdatenbank
Die Produktdatenbank des Einkaufsfuchses, die auch vom Woodscan verwendet wird, wird von der Firma Synfon selbst bereitggestellt und enthält nach Herstellerangabe über 4 Millionen Produkte. Die Aktualisierung der Datenbank erfolgt laut Homepage etwa einmal jährlich, wobei die aktuelle Datenbank aus dem März 2013 stammt und die nächste Aktualisierung erst für den Herbst 2014 geplant ist. Diese langen Intervalle zwischen Aktualisierungen sind sicherlich mit verantwortlich für die teils eher schlechten Erkennungsraten.

Das Update lässt sich leider nicht im Internet herunterladen, mann muss vielmehr eine SD-Karte an die Firma Synfon schicken und erhält auf diesem Weg die neuen Dateien. Über die Verfügbarkeit eines Datenbankupdates muss übrigens der Händler informieren, Synfon selbst teilte mir auf Anfrage mit, keine entsprechenden Informationen bereitzustellen.


Eigene Produktnamen aufsprechen und eigene Barcodes verwenden


Nach dem Scannen eines Barcodes kann man mit der Aufnahmefunktion eigene Produktbeschreibungen oder Ergänzungen zu Datenbankeinträgen aufsprechen. Damit lassen sich zum einen fehlerhafte oder unvollständige Datenbankeinträge ergänzen, zum anderen lassen sich aber auch barcodes erfassen, die nicht in der Datenbank enthalten sind.

Für das Kennzeichnen eigener Gegenstände werden dabei zwei DIN A4-Bögen Barcodes zum Aufkleben mitgeliefert, was den Einkaufsfuchs wie einen Penfriend funktionieren lässt. Solche Barcodes lassen sich auch leicht selber drucken, man sollte dabei lediglich Kollisionen mit bereits vergebenen Nummernkreisen vermeiden. Im Handel gibt es übrigens auch waschbare Barcodeetiketten, was den Einkaufsfuchs auch im eigenen Kleiderschrank einsetzbar machen sollte. Letzteres habe ich aber noch nicht ausprobiert.

Laut Produktbeschreibung bleiben diese selbst aufgesprochenen Texte bei einem Datenbankupdate übrigens erhalten. Technisch sind die Aufnahmen als MP3-dateien im Verzeichnis "Barcode" auf dem Milestone zu finden, Sicherungskopien sollten also ebenfalls möglich sein, wobei ich auch hier noch keinen Praxistest durchgeführt habe.


Fazit


Im Vergleich zu einer Smartphone-App hat der Einkaufsfuchs natürlich einen deutlich überlegenen Scanner, was das Einkaufen erheblich entspannter und schneller macht. Zudem benötigt er keine Internet-Verbindung. Die Produktdatenbank kommt aber leider nicht so ganz an die Online-Abfragen einer App wie Codecheck heran, was einen wirklich selbständigen Einkauf definitiv im Weg stehen kann. Dazu kommt dann noch die Schwierigkeit, auch bei erkannten Barcodes aus den oft unnvollständigen oder per Aküfi massakrierten Produktnamen herauszuhören, um welches Produkt es sich tatsächlich handelt.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass der Einkaufsfuchs bzw Woodscan ein durchaus nützliches Hilfsmittel ist, dass er die Erwartungshaltung des selbständigen Einkaufens als Blinder aber nicht völlig erfüllen kann. Dazu muss in Sachen Produktdatenbank noch einiges an Arbeit investiert werden. Missen möchte ich ihn aber trotzdem nicht mehr.

Kommentare:

  1. Ich habe in dem Zusammenhang mal eine Frage, nachdem du auch viele Smartphone-Apps erwähnst und ich bitte gleich mal um Entschuldigung, wenn sie vielleicht naiv klingt, aber ich weiß es wirklich nicht: Wie bedient man denn ein Smartphone, die ja alle ein sehr großes Touchdisplay haben, wenn man nicht sehen kann, wo man drückt? Und wie gut sind Apps auf die Bedienung durch Sehbehinderte und Blinde ausgelegt? Ich benutze beispielsweise die App von Lyoness, um mir regelmäßig mobile Gutscheine zu kaufen - aber ich wüsste nicht, wie ich sie bedienen sollte, wenn ich nicht sehen kann ...

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  2. Viele heutige Smartphones haben spezielle Software, sogenannte Screenreader, vorinstalliert, die es Blinden ermöglichen, nahezu alle Funktionen des Smartphones zu verwenden, und das gilt auch für zahlreiche Apps. Ganz vorne sind hier Apple mit iOS und Google mit den neuesten Android-Versionen (letzteres aber mit gewissen Einschränkungen).

    Tatsächlich sind viele Smartphones für Blinde nicht nur problemlos bedienbar, sondern stellen eine äußerst wertvolle Hilfe dar. Neben den typischen Funktionen eines Smartphones gibt es eine Vielzahl von Apps, die mehr oder weniger speziell für Blinde entwickelt wurden, insbes. Dinge wie Navigation, Lichterkennung, Farberkennung, Vorlesen gedruckter Texte, Erkennen von Objekten, und eben auch das Scannen von Barcodes, um beispielsweise Lebensmittel zu identifizieren. Dazu kommen dann die vielen anderen Apps, von Abfahrtszeiten für Busse und Bahnen über aktuelle Nachrichten bis hin zu Unwetterwarnungen.

    Hier findest du eine kleine Einführung in Apples Voiceover, den Screenreader für iPhone, iPad und iPod touch:
    https://www.apple.com/de/accessibility/ios/voiceover/

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  3. Hallo Mike, vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Dafür, dass Konzerne wie Apple und Google oft viel Kritik für ihre Geräte einstecken müssen, haben sie offensichtlich erkannt, dass Blinde und Sehbehinderte eine Zielgruppe darstellen, die man nicht vernachlässigen darf. Ich unterstütze hin und wieder einen Arbeitskollegen beim Erstellen von Websites und von ihm weiß, wie wenig da oft auf diese speziellen Bedürfnisse Rücksicht genommen wird - obwohl es mittlerweile dank der neuen Technologien besser geworden ist, wie er sagt.

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  4. Habe diesen Scanner seit ca. 2 Jahren täglich im Einsatz und funktioniert ohne Probleme. Habe mir jetzt noch einen zweiten geholt um flexibler zu sein und als Notfallgerät.

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