Montag, 19. Mai 2014

Gedanke: Ich weiß, wie es ist, blind zu sein

Es gibt für Sehende immer vielfältigere Möhglichkeiten, die Welt der Blinden zu erkunden. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die bereits in einem Dunkel-Cafe bzw. -Restaurant waren, ein Mitarbeiter bei Karstadt hat mir voller Begeisterung von seinen Erfahrungen in einer Dunkel-Bar hier in Wiesbaden erzählt, und einer meiner Freunde hat sich sogar einmal mit Augenbinde und Blindenstock in der Hand durch einen riesigen Parkur in einer alten Fabrikhalle gekämpft.

Grundsätzlich finde ich solche Angebote klasse. Es ist wichtig, die Welt auch einmal aus der Perspektive anderer menschen zu betrachten, und der erste Besuch im Dunkel-Restaurant veranschaulicht auf sehr praktische Art und Weise, welche Herausforderung es sein kann, ohne Sichtkontakt ein Steak zu essen oder sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten.

Bei allem Enthusiasmus musste ich aber feststellen, dass diese Erfahrungswelten auch ihre Tücken haben. Zwei Dinge sind mir dabei besonders aufgefallen.

Da wäre zum einen die "ich weiß, wie sich ein Blinder fühlt" Illusion, die Besuchern von Dunkel-Restaurants ereilen kann. Diese Annahme ist aber leider ein Fehlschluss. Ein Blinder lebt nicht in einer Welt der Dunkelheit, in der niemand sehen kann. Er lebt in einer Welt des Lichts, in der (fast) alle sehen können außer ihm. Eine Konversation in totaler Finsternis ist nicht weiter problematisch, das haben wir alle schon getan, sei es als Kind mit dem Schlafsacknachbarn im Feriencamp oder als Erwachsener mit dem eigenen Partner. Viel herausfordernder ist es, in einer Gruppe Sehender zu sitzen und als einziger den Witz nicht mitzubekommen. Oder dieser Gruppe etwas zu erzählen und als einziger nicht zu bemerken, dass sich jemand im Raum gerade angegriffen fühlt. Diese Erfahrung kann kaum eine dieser Erlebniswelten vermitteln.

Noch viel kritischer sehe ich allerdings etwas anderes. Diese erlebnisse sollen eigentlich dazu dienen, Voruteile abzubauen und ein realistischeres Bild von Blindheit zu vermitteln. In vielen Fällen klappt das auch. Bei ein paar menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, schien allerdings der gegenteilige Effekt eingesetzt zu haben: anstatt zu begreifen, dass blinde Menschen weitestgehend ein ganz normales Leben führen können, führten ihre Erlebnisse zu einerr nahezu unerschütterlichen Überzeugung, dass blinde Menschen vollkommen hilflos seien und praktisch nichts ohne fremde Hilfe könnten. Der Grund ist einfach: diese Menschen haben aus ihren eigenen Problemen, die gestellte Herausforderung zu meistern, den Rückschluss gezogen, niemand könne das. Psychologisch betrachtet ist das einer der großen Klassiker. Im praktischen Sinne ist dieser Fehlschluss aber recht bedenklich.

Solche Menschen ignorieren nämlich die Tatsache, dass das Funktionieren als Blinder etwas ist, das man nicht nur lernen muss, sondern auch lernen kann. Die Fähigkeiten, die ein Blinder für ein selbständiges Leben braucht, müssen genauso erlernt werden wie alles andere im Leben. Und ja, wer später im Leben erblindet, der muss viele Dinge erneut und anders lernen, die früher ganz selbstverständlich schienen, und dieser Prozess kann viel Zeit in Anspruch nehmen.

Eine Mahlzeit zu sich nehmen, Getränke einschpütten, seine Mails lesen, einen Kaffee kochen, die Gurken von der Marmelade unterscheiden, zum Bäcker gehen und die Frühstücksbrötchen holen, das sind Dinge, die für viele Blinde ganz normaler Alltag sind. Das war aber nicht immer so. Welcher späterblindete konnte auf Anhieb einen Kaffee eingießen, ohne etwas zu verschütten? Wer konnte einffach wieder zum Bäcker gehen?

Und genau das ist es, was den Sehenden Besuchern dieser Erlebniswelten fehlt. Für sie ist es eine Erfahrung von ein oder zwei Stunden. Daraus Rückschlüsse auf das Leben als Blinder zu ziehen ist nicht unebdingt empfehlenswert.

Das bedeutet aber nicht, dass ich übermäßig kritisch gegenüber diesen Erlebniswelten eingestellt bin, ganz im Gegenteil. Diese Erfarhungen sind wichtig, um Integration und Inklusion in unserer Welt plastisch erfahrbar zu machen. Es ist und bleibt aber eine Simulation, die mit dem Alltag eines Blinden nur wenig zu tun hat. Wer das im Hinterkopf behält, der kann hier zweifellos spannende und lehrreiche Erfahrungen machen. Und am Ende sollte ja ohnehin der Spaß im Mittelpunkt stehen.

Kommentare:

  1. Aus dem Herzen gesprochen! Beide Effekte habe ich als Mitarbeiter in den 'dunklen Geschäften' gelegentlich erlebt.

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  2. Ich habe bereits zweimal in einem Dunkelrestaurant gegessen, einmal habe ich es geschenkt bekommen, einmal habe ich es meinem Freund geschenkt. Und ich habe für mich festgestellt, dass man selbst in der kurzen Zeit, in der man sich als Sehender nicht auf seine "normalen" Sinne verlassen kann, gewisse "Techniken" entwickelt, mit der man es trotzdem schafft, den Inhalt auf seinem Teller und das Glas am Tisch zu finden, ohne eine Riesensauerei zu veranstalten :). Dass man sich als Sehender nie wirklich vorstellen kann, wie es ist, blind zu sein, ist für mich verständlich, doch bekommt man zumindest eine Vorstellung durch so etwas, wie es sein könnte, denke ich.

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