Mittwoch, 23. April 2014

Im test: Freedom Scientific PEARL mit OpenBook

Ich war schon länger auf der Suche nach einem einfachen und portablen Vorlesesystem. Auf der letzten SightCity hatte ich dazu schon die große Runde gemacht, gefolgt von einer Menge Recherche. Mir wurde schnell klar, dass für mich ein PC-gestütztes System das einzig sinnvolle ist und habe mir daher die Systeme Vox Viva, Scan2Voice und PEARL ausführlich angeschaut. Nach diversen Vorführungen und Tests fiel meine Wahl dann am Ende auf PEARL und OpenBook. Ich habe dieses System nun seit ein paar Monaten im Einsatz und möchte hier meine bisherigen Eindrücke und Erfahrungen zusammenfassen.


Die Hardware


Die PEARL selbst macht einen sehr soliden Eindruck. Mit zwei Entriegelungsknöpfen lässt sich das Gestell einfach aufklappen bzw. zusammenfalten. Der Fuß dient dabei gleichzeitig als Anlegekante für das zu erkennende Schriftgut, und es gibt eine fühlbare Markierung für die Mitte.

Eine gepolsterte Transporttasche wird mitgeliefert, und mit dieser passt die PEARL sogar in meine Laptoptasche.

Das USB-Kabel ist knapp 1,2m lang und leider fest mit der PEARL verbunden, was der Nutzung an sich aber natürlich keinen Abbruch tut. Seinen Strom bezieht die PEARL ausschließlich über USB, eine separate Stromversorgung wird nicht benötigt.


Die Installation


PEARL ist mehr oder weniger fest verheiratet mit Freedom Scientific's OpenBook Texterkennung. Die Software, die leider nicht auf deutsch erhältlich ist, ist schnell installiert und leicht zu bedienen. Das dieses Gespann komplett zugänglich ist, braucht man wohl angesichts des Herstellers kaum erwähnen. Hinter OpenBook steht übrigens die OCR-Technologie von Abbyy Finereader.

Ein paar Drehs und Kniffe an der Software hatte ich auch schnell erledigt. Trotz installiertem JAWS besteht OpenBook auf der Nutzung eigener Stimmen, wobei man für Text und Menüs bzw. Dialoge unterschiedliche Stimmen einstellen kann, was angesichts der englischen Bedienoberfläche auch Sinn macht. Hochwertige Stimmen werden auf CD mitgeliefert und sind ebenfalls schnell installiert.

Für Sehrestler gibt es außerdem die Möglichkeit, die Benutzeroberfläche optisch anzupassen. Dies ist auch sinnvoll, da weite Teile der Anwendung die Systemeinstellungen ignorieren.

Das OpenBook das Programmverzeichnis von Windows für den richtigen Ablageort für gespeicherte Dokumente des Benutzers hält sollte mich angesichts des Herstellers eigentlich nicht mehr überraschen. Es stellt sich aber schon die Frage, wann die FS-Entwickler gedenken, das 21. Jahrhundert zu erreichen. Für die tägliche Nutzung tut dies keinen Abbruch, wer aber seine Daten automatisch auf einen anderen Computer übernehmen will, der könnte hier unangenehme Überraschungen erleben. Also lieber gleich den Ablageort auf ein dafür geeignetes Verzeichnis umstellen, z.B. "Eigene Dokumente".


Die Bedienung


OpenBook bedient sich weitgehend intuitiv. Nach Programmstart wird durch die Leertaste die Erfassung des Bildes und anschließende Texterkennung ausgelöst. Nach deren Abschluss beginnt OpenBook in der Standardkonfiguration automatisch mit dem Vorlesen.

Es stehen auch eine Reihe interessanter Optionen zur Verfügung, z.B. das Trennen gegenüberliegender Seiten oder eine (englische) Rechtschreibprüfung. Auch die optische Darstellung lässt sich in einigen Bereichen anpassen. Etwas irritierend fand ich dagegen die Wahl einiger Tastenkombinationen. Shift-F3 ist typischerweise der Sprung zum vorigen Suchtreffer. Bei OpenBook löst diese Taste das phonetische Buchstabieren aus.

SoWOHL JAWS als auch NVDA gehen übrigens in OpenBook automatisch schlafen, man hat also kein Problem mit durcheinander sprechenden Stimmen. Lediglich im Braille-Manager gibt es hier einige Probleme, aber man kann sich trotzdem behelfen,

Wer hofft, die PEARL auch als eine Art portables Bildschirmlesegerät nutzen zu können, der wird leider größtenteils enttäuscht. Zwar lässt sich das Kamerabild auf dem Monitor darstellen, es gibt aber keine Farbanpassung, und selbst ein einfaches Vergrößern des Bildes ist nur über den Weg durch Menüs und Untermenüs möglich.

Ebenfalls schade finde ich, dass die PEARL als Kamera ausschließlich mit OpenBook ansprechbar ist. Für mich wäre es sehr nützlich, sie beispielsweise auch mit Skype nutzen zu können, um auf diesem Wege sehende Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Dem haben die Treibergötter aber einen Riegel vorgeschoben, so dass andere Anwendungen nichts von der Existenz einer Kamera erfahren-

OpenBook und PEARL tun damit, was sie versprechen, aber ganz zu Ende gedacht ist die Lösung nicht.


Erkennungsgenauigkeit


Wie bei allen kamerabasierten Systemen ist die Erkennungsgenauigkeit stark vom Umgebungslicht abhängig. Für dunkle Umgebungen kommt PEARL mit einer eingebauten Lichtquelle, die man unter OpenBook mit Strg-L einschaltet.

Normales Schriftgut wird in der Regel gut und schnell erkannt. Aufgrund der geringeren Auflösung kommt aber keines dieser Systeme an einen Flachbettscanner heran.

Ein weiteres Problem sind Tabellen: OpenBook stellt den gelesenen Text mehr oder weniger sequentiell dar, der Zusammenhang einer Tabelle geht dabei verloren, was beispielsweise das Lesen von Rechnungen etwas hakelig machen kann. Hier hat ein Scanner mit Abbyy Finereader klar die Nase vorne.

Nicht so gut kommt die PEARL mit reflektierenden Oberflächen, farbigem Hintergrund sowie mit aus Punkten zusammengesetzten Buchstaben wie Haltbarkeitsdaten zurecht. Diese Probleme zeigten sich aber auch bei anderen kamerabasierten Systemen.

Ich habe mittlerweile schon so einiges unter der PEARL gehabt. Die Beschriftung auf einem Steckernetzteil hat OpenBook erstaunlich gut wiedergegeben. Meine CD-Sammlung war dagegen weitgehend chancenlos. Bei einem Versuch, den Inhalt eines Computermonitors abzulesen, wurde zumindest ein Teil des Textes erkannt, das Display des iPhone schien OpenBook aber zu klein zu sein. Auch die eine oder andere Flasche, Konservendose und Kellogs-Packung lag schon unter der PEARL. Die Beschriftung komplett lesen ist dabei meist unrealistisch, u.a. da OpenBook keinen Modus zum kontinuerierlichen Scannen hat, wie er für Rundungen notwendig wäre. Nichtsdestotrotz habe ich das Gesuchte meistens lesen oder zumindest erraten können. Eine Ausnahme stellen dabei wie erwähnt meist die Haltbarkeitsdaten dar.


Fazit


Portabel, chnell und einfach, und geeignet, auch Beschriftungen auf Gegenständen zu lesen, das sind die Vorteile einer Kameralösung. Mit einem solchen System kommt man zügig durch die Post, man kann mal schnell nachschauen, welche Konservendose man gerade in der Hand hält, und mit auf Reisen nehmen kann man sie auch.

Wirklich verlassen kann man sich auf das Scanergebnis aber nicht. Für Fälle, in denen es auf jeden Buchstaben und jede Zahl ankommt, habe ich parallel einen Flachbettscanner.


Produktinformationen (englisch): Freedom Scientific PEARL

Kommentare:

  1. Ein guter Artikel. Ich selbst nutze auch beruflich Pearl und Open Bok und kann die gemachten Aussagen zu 95 Prozent nur bestätigen. Hinzuzufügen wäre noch, dass Open Book auch eine deutsche Bedienoberfläche hat (geht hier aus dem Beitrag glaube ich nicht oder nicht klar hervor) und dass die Erkennung soweit mir bekannt ist nicht nur mit Finereader, sondern paralel auch mit der OCR von Omnipage erfolgt. Auch kann man die Pearl-Kamera zwar nicht in anderen Programmen nutzen, umgekehrt kann man andere Scanquellen als die Pearl-Kamera (z. B. Flachbettscanner) etc. allerdings in Open Book nutzen.
    Was mich persönlich noch an Open Book stört: Ich finde, es gibt zu viele Menüs und die zahlreichen Optionen sind unübersichtlich verteilt. Es wirkt für mich ein wenig so, als seien zur Ur-Version von Open Book von Version zu Version immer mehr Funktionen dazu gekommen aber es hat sich seit her niemand mehr Gedanken gemacht, wie man die Menüs sinnvoll strukturieren könnte. Wenn man sich mal eingearbeitet hat, klappt alles gut - dennoch könnte manches "ergonomischer" und sinnvoller angeordnet sein. Auch die Sehbehindertenfunktionen sind eher auf niedrigem Niveau.
    Ich möchte mir über kurz oder lang auch privat ein solches System anschaffen und tendire eher dazu, mal etwas anderes auszuprobieren. Insofern hätte es mich im Beitrag noch interessiert, warum das meiner Meinung nach recht interessante Voxviva (das übrigens im wesentlichen dem Read it Wand der Firma Visionaid entspricht) ausgeschieden ist. Wäre ja doch mal ganz interessant zu erfahren, was letztlich kaufentscheidend für Pearl war und durch was sich die anderen genannten Lösungen disqualifiziert haben ...

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  2. Erstmal vielen Dank für deinen Kommentar!!

    Was die deutsche Benutzeroberfläche angeht: hättest du dazu einen Download-Link? Ich konnte bisher keine deutsche Version von OpenBook finden.

    Zu den erkennungsroutinen: früher hat OpenBook in der Tat neben Finereader auch Omnipage angeboten, aber laut meinem Händler wurde letzteres in der aktuellen Version entfernt, und es gibt auch keine entsprechende Auswahlmöglichkeit mehr.

    Was deine Einschätzung der Menüstruktur angeht, so kann ich da nur zustimmen. Leider ist das ja bei Freedom Scientific schon fast Tradition, aber ein wenig aufräumen würde dem Programm wirklich recht gut tun. Anderen Programmen dieser Art könnte man aber denselben Vorwurf machen. Die Grundfunktionen finde ich durchaus intuitiv, aber wenn man in die Feinheiten der OCR o.ä. einsteigen mächte, dann kann mans chon eine Weile suchen.

    Bezüglich der anderen Systeme, die ich mir angeschaut hatte: Vox Viva ist direkt ausgeschieden, weil die Erkennungsraten im Rahmen einer Vorführung wie auch bei eigenen Versuchen extrem schlecht waren. Scan2Voice ist dagegen ein sehr interessantes System, insbes. wegen der neuen, hochauflösenden kamera, zeigte aber zum Zeitpunkt meiner Produktauswahl kritische Schwächen in de Software, insbes. Textduplizierung in Tabellen. Das ist aber schon ein Weilchen her, und ich würde mir dieses System unbedingt genauer anschauen, da es im Vergleich zu Pearl durchaus Stärken aufweist, z.B. bei der Erkennung von Texten auf farbigem Hintergrund und bei den Low Vision Funktionen.

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  3. Hallo Mike, ich begleite seit September 2013 Johannes, der hier in Altötting an der Berufsfachschule für Musik mit Hauptfach Orgel Kirchenmusik studiert. Ich arbeite auch mit der PEARL-Kamera und openbook und habe damit im großen und Ganzen gute Ergebnisse. Das gilt besonders, wenn ich ein Dokument für Johannes einscanne und umwandle, damit er es als Word-Dokument hören oder lesen kann.

    Heute wollte ich mit der Demo-Version von openbook für ihn mit der Pearl-Kamera einen Text auf meinem eigenen Laptop scannen und ihm anschließend mailen, allerdings erkennt mein eigener Rechner die Pearl-Kamera als Werkzeug nicht. Kannst Du mir da einen Tipp geben?
    Danke und LG Matthias

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    1. Lieber Matthias,
      das hatte ich bisher noch nicht. Ich fürchte, ich kann dich da leider auch nur an den Support von Freedom Scientific verweisen.
      Viele Grüße
      Mike

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